Der Schotter hält was er verspricht.
Duschanbe > Bartang-Tal > Murgab

Nach zwei Wochen auf den Rädern und nach über 900 km auf Schotterpisten haben wir endlich unseren ersten Praxisbericht fertig – als ausgewiesene Schotterexperten sozusagen.

Kilian (Milchgesicht) & Roman (Vatti) aka Tadchicks

Kilian (Milchgesicht) & Roman (Vatti) aka Tadchicks

 

Aufsatteln in Duschanbe

Aufsatteln in Duschanbe

Roman am Khingob-Fluß kurz vor Gorno Badakhshan

Roman am Khingob-Fluß kurz vor Gorno Badakhshan

Kilian ist übrigens schwerreich

Kilian ist übrigens schwerreich

Schotter in verschiedensten Variationen
In der Theorie wurde noch von grobem Schotter, feuchtem Schotter, spitzem Schotter und staubigem Schotter gesprochen. Wir mussten aber ziemlich schnell feststellen, dass das ein viel zu einfacher Ansatz war. Die Praxis sieht wesentlich komplexer aus. Es gibt in ihr nicht nur wesentlich mehr verschiedene Zusammensetzungen, auch wurde die Größe, die Form und die Mischung völlig vernachlässigt.

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Beginnen wir also mit der feinsten Art: dem Sand.
Kompakt zusammengepresst ein wahrer Traum, ermöglicht er schnelles und vor allem bequemes Vorankommen. Sobald er jedoch weiche Stellen aufweist, ändert sich alles. Denn dann führt es zu einem überdimensionalen Anstieg des Widerstandes, einem Ausbrechen des Lenkers und erfordert ein schnelles Auslösen der Klickies. Bei Roman, dem Vatti klappte das zweimal nicht ganz so gut, so dass er sich unelegant in den (zum Glück!) Sand legte.

Zurück zum kompakten Sand. Verteilt man darauf verschiedene Arten und Größen von Schotter, sinkt die Reisegeschwindigkeit nicht nur rapide – auch der Komfort leidet massiv. Es beginnt ein Slalom, um den größten Brocken auszuweichen, die kleinen nimmt man jedoch voll mit. Sehr zur Freude des leicht wunden Allerwertesten.

Man könnte die Liste der verschiedenen Zusammensetzungen noch ins Unendliche ausweiten und würde am Ende bei Straußen-Ei großen Steinen landen. Hierüber kann man die Räder nur noch mehr schlecht als recht schieben. Das Ergebnis bleibt aber immer das Gleiche.

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Es lohnt sich jeder Meter auf den Schotterpisten.
Die Landschaft ist atemberaubend. Die Leute super freundlich und ein paar Tadchicks wurden auch gesichtet.
Aber nun mal von Anfang an. Frisch aus Deutschland erreichten wir morgens um 05:30 Uhr die Hauptstadt Duschanbe. Die Fahrräder waren schnell montiert, die fehlenden Vorräte, wie Milchpulver und Benzin problemlos organisiert und aus der Ferne wurde noch schnell der höchste Fahnenmast der Welt bewundert. Mehr gibt es unserer Meinung nach zu Duschanbe nicht zu sagen und so starten wir gegen 13:00 Uhr gen Pamir.

Im dichten Verkehr ging es Richtung Obigam. Die Westwindlage hatte wohl Pause und wurde durch einen kräftigen und konstanten Ostwind vertreten. Die ersten Kilometer mussten schon mal ehrlich verdient werden. Aber immer hin auf brauchbaren Asphalt.

So gelangten wir ein gutes Stück hinter Faizobod und konnten unser Zelt zwischen ein paar Büschen platzieren. Leider ohne zu wissen, dass wir das in der Nähe der „Dorfdisco“ taten.

Pünktlich um 19:00 Uhr gab der Alleinunterhalter alles und wir konnten uns tadschikisch in den Schlaf grooven.

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Moin Moin – Milchgesicht der Frühaufsteher
Kilian steht allen Ernstes jeden Morgen zwischen 05:30 Uhr und 06:30 Uhr auf. Da muss der Vatti sich erst dran gewöhnen. Bringt aber natürlich mehr Zeit auf dem Rad. Und so ging es immer weiter in die Berge. Die Autos wurden weniger und die Menschen freundlicher.

High-Five und Wettrennen mit den Kids
„Hello! Hello!“ aus fast jedem Haus mit Kindern, die winkend zur Straße rennen. So viel haben wir in unserem Leben noch nicht gewunken.

Auch Fahrradrennen sind ein beliebter Zeitvertreib. Mit 1-Gang-Retro-Klassikern wird gewartet bis wir passiert haben und dann links Vollgas vorbeigezogen. Die Rechnung wurde allerdings ohne unseren jugendlichen Elan gemacht. Unter dem Strich könnte man sich wohl auf ein diplomatisches Unentschieden einigen.

So passieren wir winkend und High-Five-gebend das größte Bauprojekt Tadschikistans. Ein Staudamm soll entstehen, dessen Nutzen hier nicht weiter kommentiert werden soll. Riesige Kipplader transportieren Tonnen von Erdreich in sämtliche Teile des Tales und hinterlassen ein nicht wirklich schönes Bild.

Auf 3.255 Metern Höhe mit dem Fahrrad
Aber warum soll es hier anders sein, als in anderen Teilen der Welt. Die Landschaft zeigt kurz darauf wieder ihre schönen Seiten und so nähern wir uns langsam unserer ersten Herausforderung: dem 3.255 m hohen Saghirdasht-Pass.

Asphalt ist nun wirklich Geschichte und so geht die Reise auf den unterschiedlichsten, bereits angedeuteten Variationen an Schotterpisten dahin.

Aufsatteln in der Nähe vom Khingob Fluß

Aufsatteln in der Nähe vom Khingob Fluß

Der Saghirdasht-Pass

Der Saghirdasht-Pass

Sicht vom Pass auf die Shoh Mountain Range

Sicht vom Pass auf die Shoh Mountain Range

Opels überall
Erwähnt werden muss hier noch die absolute Marktführerschaft von Opel. Ja richtig: Opel.

Hier wurde schon lange umgeparkt im Kopf. Von 10 Autos sind locker 8 Stück Opels, die auch vor groben Pisten und kniehohen Furten keinen Halt machen und hupend passieren. Trägt der Fahrer dann noch einen Adidas-Jogger, gerne auch mit vier Streifen (je mehr Streifen, desto mehr Adidas) und hat den großen Opel Aufkleber in der Heckscheibe, dann ist er in Tadschikistan ganz vorne mit dabei.

Der Spaßfaktor ist gleich Null
Zurück zum eigentlichen Thema. Der Pamir Highway führt entlang des Flusses Khingob, durch absolut abwechslungsreiche Szenarien und hält wunderschöne Zeltplätze am Ufer bereit. Nach der ersten Milärstation die ohne Probleme und Bestechungsgelder gemeistert wurde, verlassen wir das Tal und betreten GBAO-Gebiet (GBAO = Gorno-Badakhshan Autonomous Region; Berg-Badachschan ist eine autonome Provinz im Osten Tadschikistans.)

Langsam wird es ernst. 1.600 Höhenmeter rauf (Spaßfaktor relativ gering) und 2.000 Höhenmeter runter, an die afghanische Grenze. Wir kommen an einem Tag rauf, aber erst gegen 15:00 Uhr. Und die Abfahrt wird lang.

Landschaftlich ist es hier ein Traum. Durch wunderschöne Täler, entlang an Bachläufen, die mit verschiedensten Farnen bewachsen sind. Doch irgendwie wird die Abfahrt immer länger und kein Zeltplatz in Sicht. Und so langsam wird auch Milchgesicht klar, warum der Vatti etwas gestresst hat, und die Abfahrt bleibt lang. Und die Arme werden dick vom Geschüttel und Gerüttel. Und das Tageslicht wird weniger. Und die ersten Schrauben lösen sich von den Fahrrädern. Und der erste Durchschlag lässt Roman den ersten Schlauch wechseln!

Und natürlich noch eine Militärstation mit Registrierung. Es dauert so unfassbar lange, die zwei Namen abzuschreiben und natürlich ist immer noch kein geeigneter Zeltplatz in Sicht. Und natürlich ein zweiter Platter. Es reicht! Für heute definitiv.

Morgen wird alles besser – oder auch nicht?!
Das Zelt wird bei Dunkelheit auf das erstbeste Stück Wiese geklopft. Wasser gepumpt, gekocht und gepennt. Morgen wird alles besser!

Von wegen!

Nach den ersten Kilometern Richtung Karakul steigt Kilian ab und fummelt das erste Mal an seiner Rohloff-Nabe rum. Anscheinend hat sich ein Bowdenzug losgerüttelt. Ein paar Meter weiter die Nachricht. Ich kann nur noch vier Gänge schalten. Na super! Seit der Abfahrt läuft es irgendwie, trotzdem wird weitergeradelt. Hilft ja nichts und Kilian als alter Fixiefahrer war wahrscheinlich mit den ganzen Gängen eh überfordert.

Ein ganzer Morgen wird der deutschen Feinmechanik geopfert mit mittelmäßigen Erfolg. Zehn Minuten lang funktionieren alle Gänge, fünf Minuten lang  nur vier Gänge, dann nichts mehr. Kilian reicht es inzwischen wirklich. Während Vatti mit seiner mittelmäßigen Kettenschaltung alle seine Gänge zelebriert, strampelt Kilian aka Milchgesicht sich einen Wolf. So geht es mit gedämpfter Stimmung an der afghanischen Grenze entlang. Die Landschaft ist mittlerweile etwas karger und die Temperaturen erreichen geschmeidige 40°C. Aber es geht voran.

Frühstück im Bartang-Tal

Frühstück im Bartang-Tal

Mittagessen im Bartang-Tal

Mittagessen im Bartang-Tal

Irgendwo im Bartang-Tal

Irgendwo im Bartang-Tal

Ein Restday für die Gangschaltung
Nach sechs Tagen auf dem Rad und in Schlagdistanz zum Batang-Tal muss ein freier Tag her. Das Zelt wird auf eine Sandbank gestellt in der Nähe von Shiz. Dies ermöglicht den Nachschub an Snickers und RC-Cola. Den Restday verbringen wir mit erfolglosem Angeln, Lesen und der ausgiebigen Diskussion über die verschiedenen Optionen bezüglich der Gangschaltung.

Der Entschluss steht, Kilian kann mit Hilfe eines Gabelschlüssels direkt an der Nabe die Gänge wechseln. Das kostet Zeit und nervt ein bisschen, aber deswegen das Batang-Tal nicht zu machen, wäre auch keine Lösung.

Festmahl mit Entschlackung inklusive
Gefeiert werden soll diese Entscheidung mit ein paar Dosen Bier und einem leckeren Festmahl. Gekocht aus russischem Mais, Erbsen und Fleischkonserven. Erst beim Öffnen fällt auf: „Die Dosen sind ja schon alle locker ein Jahr über dem Verfallsdatum!“

Ein Geruchtstest bringt jedoch Sicherheit, die Fleischkonserven passen noch. Das ist russische Premiumware. Und so wird ordentlich getrunken und gegessen.

Zwei Uhr Nachts, Kilian verlässt das erste Mal das Zelt.

Er braucht frische Luft …

So langsam zeigt das russische Rindfleisch, was es kann.

Pünktlich zum Sonnenaufgang hat Kilian komplett entschlackt und startet ohne Frühstück nach Rŭshan – dem letzten Ort vor dem Batang-Tal.

Ein Top-Start! Roman mit vollem Magen und 21 Gängen. Kilian komplett entleert und einer manuellen Absteigschaltung.

Das kann ja heiter werden …

Fortsetzung folgt.


Roman („Der Vatti“) und Kilian („Das Milchgesicht“) reisen ab Ende Mai 2015 für fünf Wochen mit dem Fahrrad durch Tadschikistan. Über den Pamir Highway und auf wenig befahrenen Nebenstrecken wollen sie das Land entdecken. Auf pixelschmitt.de wird es je nach Internetverbindung der beiden ab und zu aktuelle Berichte und Bilder von ihrer Tour geben.

Mehr zu der Idee „Mit dem Fahrrad durch Tadschikistan“ erfährst Du auch in dem Video der beiden, das sie zur Sponsorensuche gedreht haben.

Unterstützt werden sie bei der Reise von Freilauf Erlangen, Tout Terrain und Ortlieb.

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