Die ersten Kilometer werden entspannt weggerollt. Die Straßenverhältnisse sind gut. Doch relativ schnell erreichen wir eine neue Dimension von Langsamkeit. An den Schotter und die Geschwindigkeit müssen wir uns erst noch gewöhnen und das geht jetzt über 250 Kilometer so und auf 4.000 Meter, doch es lohnt sich. Hinter jeder Biegung verändert sich das Tal oder gibt den Blick auf einen der zahlreichen 6.000er frei.

„Permit? Welche Permit denn bitte!?“
Die Straße ist nun wirklich schlecht, so dass selbst Opel-Fahrer aufgeben und nur noch ganz selten 4-Wheel-Drive-Fahrzeuge gesichtet werden. Eines hält ziemlich abrupt neben uns. Eigentlich ein 5-Sitzer, aber es steigen gefühlte zehn Personen aus.

„Permit! Permit!“, wird gerufen. „Was denn für ein Permit, bitte?! Davon stand nirgends etwas!“

Zum Glück kann einer der Herren etwas Englisch und erläutert uns, dass man für das Bartang-Tal neuerdings eine Genehmigung braucht. Ein anderer hat eine Mappe mit Farbkopien der angeblichen Permits. Alle mit einer „offiziellen“ Unterschrift.

Nach ein bisschen Hin und Her einigen wir uns auf zwei Tage + Gebühren. 72 Somoni. Das entspricht etwa 10 US-Dollar. Und wenn sich die Jungs davon einen schönen Abend machen, auch ok. Es kann also mit Permit weitergehen.

Lecker! Chai und Käse-Füße
In kleinen Dörfern, die die grünen Oasen in der kargen Steinlandschaft bilden, werden uns zahlreiche Chai-Angebote ausgesprochen. Diese lehnen wir an den ersten Tagen noch freundlich ab. Zu erdrückend ist die neugewonnene Langsamkeit im Verhältnis zur bevorstehenden Strecke.

Am dritten Tag ist es dann soweit. Der Dorfälteste lädt zum Tee und wir folgen der Einladung. Sensationell nette und interessierte Leute, mit denen wir viel Spaß haben. Als der Tee gerichtet ist, schlüpfen alle Mann aus ihren Schuhen und machen es sich zwischen den Kissen bequem.

Oha! Das könnte jetzt unangenehm werden. Haben wir unsere letzte Dusche doch in Deutschland genommen und etliche 40 Grad heiße Tage erlebt. Da helfen selbst die Merino-Wolle-Socken nicht.

Die Schuhe müssen auf jeden Fall an bleiben!

So hängen wir etwas unbeholfen an der Kante und erklären mit zugehaltener Nase und deuten auf die Schuhe, dass das besser so ist.

Der Dorfälteste lacht und hebt den Daumen. Glück gehabt! Man will ja nicht gleich respektlos wirken.

Immer mehr Leute treffen beim Dorfältesten ein und wollen einen Blick auf uns und unsere hochinteressanten Fahrräder werfen. Darunter auch ein Junge, der etwas Englisch spricht. Er besteht darauf, dass wir heute unbedingt über Nacht seine Gäste sein sollen.

Kilians Magen hat die russische Rindfleisch-Attacke mittlerweile überwunden, so dass Originalkost nichts im Wege steht. So geht es also auf zum Haus des neuen Freundes.

Auch dort treffen in kürzester Zeit viele Interessierte ein. So dass wir selbst beim Waschen im Bach nicht unbeobachtet sind. Da werden es wohl heute nur die Füße!

Zu essen gibt es Chai, Fladenbrot, Butter (sensationell) und frittiertes Ei (noch sensationeller). Die gesamte Familie versammelt sich, isst aber nicht mit. Das ist uns ein bisschen unangenehm.

Kilian wird zu Herrn Dr. Reil
Danach kommt ziemlich schnell die Frage auf, ob einer von uns Arzt ist. Leider nein.

Eine der Töchter hat wohl tierische Zahnschmerzen. Was soll man da machen?

Kilian wird kurzerhand zu Herrn Dr. Reil und erklärt mit Händen und Füßen, dass wir lediglich Schmerzmittel dabei haben. Das verschafft kurzfristig Besserung, bekämpft aber die Ursache nicht. Als Dr. Reil der Meinung ist, er hätte jetzt eine Fifty-Fifty-Chance, dass die Message angekommen ist, verschreibt er vier Tabletten Schmerzmittel. Kurz darauf erscheint der Sohn der nächsten Patientin. Gesichtstumor.

So langsam nimmt das Ganze Dimensionen an, die wir nicht mehr weglächeln können. Wir fühlen uns hilflos und die Stimmung kippt etwas. Auch hier können wir nur Schmerzmittel geben und versuchen, das Ganze über Nacht zu verarbeiten.

Der nächste Morgen beginnt mit schlechtem Wetter und Chai mit Schafsmilch. Sehr gewöhnungsbedürftig. Bis Gudara, dem letzten Dorf im Tal, müssen wir noch ein paar Höhenmeter machen.

Und da sind sie: Kilians Käse-Pizza-Visionen und die Frage nach der Adria
Die Steigung und die fast 3.000 Meter Höhe zeigen so langsam ihre Wirkung. Zum ersten Mal schieben wir ein ganzes Stück und Kilian bekommt seine erste Käse-Pizza-Vision: „Ich hätte so gerne eine Speziale mit extra viel Käse!“ Was soll man da machen?

Kurz nach Gudara zeigt der Pamir kurzzeitig seine unschöne Seite: Kräftiger Wind. Eigentlich ist das hier Standard, aber in Kombination mit Regen und dem aufgewirbelten Staub nicht wirklich nett.

Dann noch die enorme zweite Steigung. Über Straußenei-große Kiesel hatten wir ja schon berichtet. Hier ziehen wir nur noch am Rad und hieven uns irgendwie nach oben. Es kommt bei uns das erste Mal die Frage auf, warum wir nicht einfach mal an die Adria fahren können. Heulen gilt aber nicht!

Auch dieser Anstieg hat ein Ende und so geht es kurz darauf mit herrlicher Kulisse auf relativ brauchbarem Belag das Tanimas-Tal hinauf.

Dummerweise hat auch dieses Tal mal ein Ende und wir biegen rechts ab, um die nächste Rampe in Angriff zu nehmen. Irgendwie waren die zwei Schiebe-Passagen davor echt Kindergarten.

In der Karte als zwei Serpentinen eingezeichnet, geht es in gefühlten unendlichen Windungen den Berg rauf. Es ist heiß und bei dieser Höhe hecheln wir schon ein bisschen. Aber wie fast immer werden wir belohnt. Ein Hochplateau mit gutem Untergrund auf fast 4.000 Meter. Und das Beste: Rückenwind! So macht das Spaß. Die nächsten Tage geht es auf dieser Höhe zurück zum Pamir Highway. Wir sehen eine Unzahl an Murmeltieren, ein paar lebende Marco Polo-Schafe und inspizieren einen Marco Polo-Bock-Kadaver. Sehr beeindruckend.

Am beeindruckendsten sind aber die Käse-Pizza-Visionen von Kilian. Detailliert beschreibt er bei fast jeder Gelegenheit, wie er extra Knobi drauf träufelt, dann noch ein bisschen scharf und wie die Stücke beim Rausnehmen durch den dicken Belag nach unten hängen.

Wir müssen jetzt schnell nach Murghab. Da gibt’s zwar keine Pizzeria, aber irgendwas Fettiges mit Fleisch werden wir schon finden.

Wir erreichen den Pamir Highway. Und er ist geteert. Was für eine Freude! Die Freude hält allerdings nur 1,3 Kilometer. Es folgt Wellblech. Das geht als Radler gar nicht!

Und so sollen wir jetzt auf den 4.600 Meter hohen Pass hoch hoppeln?!

Wir werden zum Glück eines besseren belehrt. Es geht aus normalem Schotter hoch und da wir uns bereits auf 4.200 Meter befinden, fühlt es sich relativ leicht an.

Oben angekommen, treffen wir einen Bremer Biker, der uns eine Top-Info gibt: Es geht auf Premium-Teer bis nach Murghab. Yippieyayeah! Wir fahren seit Tagen mal wieder über 15 Km/h und es fühlt sich wie Fliegen an.


Roman („Der Vatti“) und Kilian („Das Milchgesicht“) reisen ab Ende Mai 2015 für fünf Wochen mit dem Fahrrad durch Tadschikistan. Über den Pamir Highway und auf wenig befahrenen Nebenstrecken wollen sie das Land entdecken. Auf pixelschmitt.de wird es je nach Internetverbindung der beiden ab und zu aktuelle Berichte und Bilder von ihrer Tour geben.

Mehr zu der Idee „Mit dem Fahrrad durch Tadschikistan“ erfährst Du auch in dem Video der beiden, das sie zur Sponsorensuche gedreht haben.

Unterstützt werden sie bei der Reise von Freilauf Erlangen, Tout Terrain und Ortlieb.