Als “Tadchicks” reisten Roman und Kilian aus Erlangen für sechs Wochen mit dem Rad durch Tajikistan. Nach ersten kurzen Berichten gibt es hier den kompletten Rückblick. Von der Planung über die vielen Widrigkeiten auf der Strecke bis zu der Grenze nach Afghanistan. Und ganz wichtig: Viele viele Bilder.

 

Der Plan

Die Idee erscheint uns zunächst etwas unwirklich, vielleicht auch naiv oder gefährlich: Mit dem Fahrrad durch das unwegsame Pamirgebirge im Südosten Tajikistans ist wahrlich kein leichtes Abenteuer.

Die Gefahren sind wenig berechenbar. Während im Winter Unmengen an Schnee und Eis die Schotterpisten unpassierbar machen, schießen im Sommer Schlammlawinen und Gletscherwasser die steilen Flanken der Berge hinab. Und Berge gibt es zahlreiche.

Immer wieder werden ganze Landstriche und Dörfer vom Geröll verschluckt. Seit einem inzwischen vergangenen Konflikt zwischen Afghanistan und Tajikistan stecken in vereinzelten Grenzregionen noch nicht detonierte Landminen.

Polizei und Militär kontrollieren uns - Foto: www.kilianreil.com

Polizei und Militär kontrollieren uns – Foto: www.kilianreil.com

 

Die Route

Los geht es in Duschanbe, der Hauptstadt Tajikistans mit 600.000 Einwohnern.

Von dort aus dem Pamir Highway folgend über den ersten Pass mit 3.300 Metern. Einst war der Pamirhighway ein bedeutender Teil der Seidenstraße.

Kilometerlange Karawanen durchpflügten die einsamsten Gegenden in Zentralasien.

Danach fahren wir entlang des Grenzflusses zu Afghanistan in Richtung Südosten.

Während der Fluss weiter nach Khorogh fließt, zweigen wir in das Bartang-Tal ab und radeln zum Karakul-See und über den Ak-Baital-Pass (4.655 Meter) nach Murgab.

Nach einem kurzen Stück auf dem Highway soll es anschließend wieder Richtung Afghanistan zum Zorkul-See gehen.

Der Rückweg führt uns durch das Wakhan Valley, das sensationelle Blicke auf die schneebedeckten Gipfel des Hindukusch ermöglichen soll, nach Khorogh.

Soviel zur Theorie, denn selbst ein halbes Jahr Organisation und Planung können in Windeseile zunichte gemacht werden.

Grober Schotter, feuchter Schotter, spitzer Schotter, staubiger Schotter zusammen mit russischem Gedächtnisasphalt werden die befahrbare Basis bilden.

Der erste Pass steht bevor - Foto: www.kilianreil.com

Der erste Pass steht bevor – Foto: www.kilianreil.com

 

Nun mal von Anfang an

Es ist 05:30 Uhr als wir die Hauptstadt Duschanbe erreichen. Ein eher weniger nennenswertes Fleckchen Erde, besteht es doch größtenteils aus neuinterpretierter Sowjetarchitektur.

Der derzeitige Größenwahn des seit 1994 regierenden Präsidenten Emomalii Rahmon nimmt dort neue bauliche Formen an.

Auf dem Papier ist Tajikistan eine Demokratie, man darf der Interpretation aber zu gerne misstrauen.

Die letzte oppositionslose Wahl im November 2013 ging mit einem klaren eins zu null für Rahmon zu Ende.

Volle 84 Prozent der Stimmen fielen auf ihn, der einzige Oppositionsführer starb Anfang 2015 mit einem gezielten Schuss im Exil in Istanbul.

Duschanbe erscheint auch deshalb unwichtig, da es von historisch und kulturell weit aus wichtigeren Städten der umgebenen “-istan”-Länder überschattet wird. Zum Beispiel das nahe Samarkand.

Die Fahrräder sind trotz leichtem Jetlag schnell montiert; die fehlenden Vorräte, wie Milchpulver und Benzin problemlos organisiert und aus der Ferne wird noch schnell der höchste Fahnenmast der Welt bewundert.

Auch ein Zeichen des Bauwahnsinns. Mehr gibt es unserer Meinung nach zu Duschanbe nicht zu sagen und so starten wir um 13:00 Uhr gen Pamir.

Im dichten Verkehr geht es Richtung Obigarm. Die Westwindlage hat wohl Pause und wird durch einen kräftigen und konstanten Ostwind vertreten.

Die ersten Kilometer müssen schon mal ehrlich verdient werden. Aber immer hin auf brauchbaren Asphalt. Die Verbindungsstraße zwischen der Hauptstadt und der Sommerresidenz des Präsidenten in Obigarm ist schließlich die am besten präparierteste im ganzen Land.

So gelangen wir am ersten Tag ein gutes Stück bis hinter Faizobod und können unser Zelt zwischen ein paar Büschen platzieren. Wir tun das ohne zu wissen, dass wir in der Nähe der „Dorfdisco“ campieren.

Pünktlich um 19:00 Uhr gibt der Alleinunterhalter alles und wir können uns tadjikisch in den Schlaf grooven.

Das Licht und die Geräusche, die morgens ins Zelt dringen, zwingen mich frühs gegen 05:30 Uhr aus dem Schlafsack. Daran muss sich Roman erst gewöhnen. Das bringt aber natürlich mehr Zeit auf dem Rad mit sich.

Für meinen Reisegefährten und mich, ist es die erste gemeinsame Tour in fremde Länder. Und so geht es immer weiter in die Berge. Die Autos werden weniger, die Häuser spärlicher und die Menschen freundlicher.

Unsere Route führt uns über einen früheren Teil des Pamir Highways, welcher nun durch eine, weiter südlicher verlaufende Straße ersetzt wurde.

Keinesfalls grundlos wurde der Transitweg verlegt, schließlich müssen wir über holprige Schotterpisten den ersten Gebirgspass mit 3200 Metern über NN bezwingen.

Wir haben es auf den Sagir-Dash-Pass geschafft - Foto: www.kilianreil.com

Wir haben es auf den Sagir-Dash-Pass geschafft – Foto: www.kilianreil.com

Die Industrialisierung hat selbst in dieser, noch hauptstadtnahen Region kaum Einfluss. Alte sowjetische Infrastruktur wie Brücken und Administrationsgebäude sichern den Menschen ein Grundmaß an Beweglichkeit und Lebensstandard.

Oft sind die Stahlbrücken notdürftig repariert und somit die einzige Möglichkeit die reißenden Gebirgsflüsse zu queren.

Wir begegnen Schafshirten, die mit beladenen Eseln ihre Herden auf die hohen Sommerweiden treiben. Die letzte asphaltierte Strecke haben wir weit hinter uns gelassen, stattdessen stottern wir über Schotter.

In der Planung wurde noch von grobem Schotter, feuchtem Schotter, spitzem Schotter und staubigem Schotter gesprochen.

Wir müssen aber ziemlich schnell feststellen, dass das ein viel zu einfacher Ansatz war. Die Praxis sieht wesentlich komplexer aus.

Es gibt in ihr nicht nur wesentlich mehr verschiedene Zusammensetzungen, auch wurde die Größe, die Form und die Mischung völlig vernachlässigt.

Beginnen wir also mit der feinsten Art: dem Sand. Kompakt zusammengepresst ist er ein wahrer Traum zum Radeln und lässt und schnell und bequem vorankommen.

Sobald er jedoch weiche Stellen aufweist, ändert sich alles. Denn dann führt es zu einem überdimensionalen Anstieg des Widerstandes, einem Ausbrechen des Lenkers und erfordert einen schnellen Abstieg.

Bei Roman, klappt das mehrfach weniger gut, so dass er sich unelegant in den (zum Glück weichen!) Sand legt.

 

Zurück zum kompakten Sand

Verteilt man darauf verschiedene Arten und Größen von Schotter, sinkt die Reisegeschwindigkeit nicht nur rapide – auch der Komfort leidet massiv. Es beginnt ein Slalom, um den größten Brocken auszuweichen, die kleinen nimmt man jedoch voll mit, sehr zur Freude des bereits leicht wunden Allerwertesten.

Man könnte die Liste der verschiedenen Zusammensetzungen noch ins Unendliche ausweiten und würde am Ende bei Straußen-Ei großen Steinen landen. Hierüber kann man die Räder nur noch mehr schlecht als recht schieben.

Das Ergebnis bleibt aber immer das Gleiche.

Ein „Hello! Hello!“ aus fast jedem Haus mit Kindern, die winkend zur Straße rennen. So viel haben wir in unserem Leben noch nicht gewunken.

Auch Fahrradrennen mit der Dorfjugend sind ein beliebter Zeitvertreib. Mit scheppernden Ein-Gang-Retro-Klassikern wird gewartet bis wir vorüber fahren um dann links mit Vollgas vorbeizuziehen.

Die Rechnung wird allerdings oft ohne unseren jugendlichen Elan gemacht. Unter dem Strich könnte man sich wohl immer auf ein diplomatisches Unentschieden einigen.

Sind wir doch gewichtstechnisch haushoch unterlegen.

Mit Verpflegung, Zelt, Kameraequipment und Klamotten bringen wir schließlich 60 Kilogramm auf die Waage.

Viele Menschen wollen mit uns posieren - Foto: www.kilianreil.com

Viele Menschen wollen mit uns posieren – Foto: www.kilianreil.com

Wir passieren nun winkend und High-Five-gebend das größte Bauprojekt Tajikistans. Ein Staudamm soll entstehen, dessen Nutzen wir hier nicht weiter kommentieren wollen.

Riesige Kipplader transportieren Tonnen von Erdreich in sämtliche Teile des Tales und hinterlassen ein nicht wirklich schönes Bild. Das Prestigeprojekt des Präsidenten erzürrnt viele Nachbarländer die große Dürren als Folge des Baus befürchten. Aber warum soll es hier anders sein, als in anderen Teilen der Welt.

Die Landschaft zeigt kurz darauf wieder ihre schönen Seiten und so nähern wir uns langsam unserer ersten Herausforderung: dem 3.255 Meter hohen Saghir Dasht Pass.

Stotterschottersteilhang

Asphalt ist wie gesagt bereits Geschichte und so geht die Reise auf den unterschiedlichsten Variationen an Schotterpisten dahin.

Erwähnt werden muss hier noch die absolute Marktführerschaft von Opel.

Ja richtig: Opel.

Hier wurde schon lange umgeparkt im Kopf. Von zehn Autos sind sicherlich acht Stück Opel, die auch vor groben Pisten und kniehohen Furten keinen Halt machen und hupend passieren.

Trägt der Fahrer dann noch einen Adidas-Jogger, gerne auch mit vier Streifen (je mehr Streifen, desto mehr Adidas) und hat den großen Opel Aufkleber in der Heckscheibe, dann ist er in Tajikistan ganz vorne mit dabei.

Zurück zum eigentlichen Thema. Der Pamir Highway führt entlang des Flusses Khingob, durch absolut abwechslungsreiche Landschaften und hält wunderschöne Zeltplätze am Ufer bereit.

Ausgeschwemmte Sedimente färben das Wasser unappetitlich braun. Uns hilft nur ein Pumpfilter, der daraus sauberes Trinkwasser ohne Sand, Steine und Schafurin macht.

Nach der ersten Militärstation die ohne Probleme und ohne Bestechungsgelder gemeistert wird, verlassen wir das Tal und betreten GBAO-Gebiet (GBAO = Gorno-Badakhshan Autonomous Region; Berg-Badachschan ist eine autonome Provinz im Osten Tajikistans.)

Langsam wird es ernst.

Uns stehen 1.600 Höhenmeter Anstieg bevor. Ein geringer Spaßfaktor ist garantiert. Gefolgt wird der Pass von einer 2000 Höhenmeter tiefen Abfahrt, hinab an die afghanische Grenze.

Wir gelangen an einem Tag hinauf, erreichen den Gipfel aber erst gegen 15:00 Uhr. Das bedeutet eine lange und schwierige Abfahrt zum Teil in der Dunkelheit.

Landschaftlich ist es hier ein Traum. Durch wunderschöne Täler, entlang an Bachläufen, die mit verschiedensten Farnen bewachsen sind. Doch irgendwie wird die Abfahrt immer länger und es ist kein Zeltplatz in Sicht.

Es läuft nicht alles nach Plan.

Die Arme werden dick und die Hände taub vom Gerüttel.

Langsam schwindet das Tageslicht.

Die ersten Schrauben lösen sich von Romans Fahrrad.

Fluchend entdeckt er gleichzeitig den ersten Durchschlag.

Zügig wechseln wir gemeinsam den Schlauch. Zeitdruck.

Wir müssen unbedingt einen Zeltplatz finden.

Am Fuße des Berges kommt natürlich noch eine Militärstation mit Zwangsregistrierung. Es dauert unfassbar lange, bis der junge Soldat die zwei Namen und Nummern notiert.

Mit einer alten russischen MG bewaffnet luchst er Roman eine Packung Tabak ab. Und natürlich ist immer noch kein geeigneter Zeltplatz in Sicht.

Die Dunkelheit erreicht das tiefe Tal.

Ein zweiter Platten.

Wir fluchen beide.

Mit Kopflampen suchen wir am Straßenrand eine kleine Fläche für das Zelt.

Mit leicht angeschlagener Laune wird gekocht und gegessen. Eilig geht es danach ins Bett.

Morgen wird alles besser!

Von wegen!

Nach den ersten Kilometern in Richtung Osten steige ich ab. Etwas stimmt nicht mit meiner Gangschaltung. Anscheinend hat sich ein Bowdenzug losgerüttelt. Ein paar Meter wird mir das Ausmaß des Schadens bewusst.

Ich kann nur noch vier Gänge schalten. Das ist sehr ungünstig! Trotzdem wird weitergeradelt. Es hilft nichts. Meine Rennrad Kondition hilft den Verlust der Schaltung zu puffern.

Der nächste Morgen wird der deutschen Feinmechanik geopfert; mit mittelmäßigen Erfolg. Zehn Minuten lang funktionieren alle Gänge, fünf Minuten lang nur vier Gänge, dann nichts mehr.

Mir reicht es inzwischen wirklich. Während Roman mit seiner mittelmäßigen Kettenschaltung alle seine Gänge zelebriert, strampele ich mir einen Wolf. So geht es mit gedämpfter Stimmung an der afghanischen Grenze entlang.

Der Fluss Panj trennt die beiden Länder, vereinsamte Militärposten scheinen einer aussichtslosen Aufgabe der Überwachung nach zu gehen.

Auf der anderen Seite des Panj liegt Afghanistan - Foto: www.kilianreil.com

Auf der anderen Seite des Panj liegt Afghanistan – Foto: www.kilianreil.com

 

Tajikistan gilt als eine der Hauptausfuhrrouten für afghanisches Opium und Heroin. Doch aktiv wird wenig dagegen unternommen.

Interne Quellen belegen, das hochrangige tajikische Politiker und Militäroffiziere großzügig am Drogenschmuggel mitverdienen.

Interessanterweise stehen auch vereinzelt große doppelstöckige Wohngebäude in der Gegend. Villen weit ab vom Schuss. Die Landschaft ist mittlerweile etwas karger und die Temperaturen erreichen geschmeidige 40°C.

 

Ein ruheloser Ruhetag

Nach sechs Tagen auf dem Rad und in Schlagdistanz zum Bartang-Tal muss ein freier Tag zur Erholung her. Wir stellen das Zelt auf eine Sandbank am Ufer des Panj.

In Wurfweite liegt das Dorf Shidz. Dies ermöglicht uns den Nachschub an Lebensmittel. Wir sind gut versorgt, zwei Wochen können wir uns komplett autark mit Trekkingnahrung und kalorienreichen Riegeln versorgen.

Brauchen werden wir die aus Deutschland eingeführten Lebensmittel vor allem im Bartang und Zorkul Tal. Den Ruhetag verbringen wir mit erfolglosem Angeln, Lesen und der ausgiebigen Diskussion über die verschiedenen Optionen das Problem der defekten Gangschaltung zu beheben.

Der Entschluss steht nach kurzer Zeit. Ich kann mit Hilfe eines Gabelschlüssels direkt an der Nabe die Gänge wechseln. Das kostet viel Zeit und nervt ein bisschen.

Dem Verzicht auf das einsame Bartang Tal möchten wir uns allerdings nicht fügen.

Ein halbes Jahr Planung wollen wir nicht leichtfertig verspielen.

Gefeiert werden soll diese Entscheidung mit ein paar Dosen Bier und einem leckeren Festmahl. Gekocht aus russischem Mais, Erbsen und Fleischkonserven.

Erst beim Öffnen fällt uns auf: „Die Dosen sind ja schon alle locker ein Jahr über dem Verfallsdatum!“ Das scheint hier vollkommen normal zu sein.

Die “Magazins”, winzige Tante Emma Läden die in den Dörfern die Menschen versorgen, scheinen keine unverfallenen Lebensmittel zu haben.

Ein Geruchstest bringt jedoch Sicherheit, die Fleischkonserven passen noch. Das ist sicherlich russische Premiumware, denken wir uns. Und so wird ordentlich getrunken und gegessen.

Es ist zwei Uhr Nachts, ich stürze schlaftrunken aus dem Zelt. Ich brauche frische Luft. So langsam zeigt das russische Rindfleisch, was es kann.

Mein Bauch rumort und gibt furchteinflößende Geräusche von sich.

Pünktlich zum Sonnenaufgang habe ich komplett entschlackt und wir starten ohne Frühstück nach Rushan – dem letzten Ort vor dem Bartang-Tal. Meine einzige Rettung sind zwei Tabletten gegen Übelkeit.

Ein Top-Start! Roman mit vollem Magen und 21 Gängen. Ich komplett entleert, erschöpft und mit einer manuellen Absteigschaltung. Das kann ja heiter werden …


Auf gehts ins Bartang

Wir erreichen gegen Mittag das Bartang Tal, dessen Öffnung sich hinter der Stadt Rushan in die Einmündung des Panj ergibt.

Das Bartang-Tal ist schwieriges Terrain - Foto: www.kilianreil.com

Das Bartang-Tal ist schwieriges Terrain – Foto: www.kilianreil.com

Die ersten Kilometer werden entspannt weggerollt. Die Straßenverhältnisse sind gut. Doch relativ schnell erreichen wir eine neue Dimension von Langsamkeit.

An den Schotter und die Geschwindigkeit müssen wir uns erst noch gewöhnen. Und das geht jetzt die nächsten 250 Kilometer und auf über 4.000 Höhenmeter, fragen wir uns.

Hinter jeder Biegung jedoch verändert sich das Tal oder gibt den Blick auf einen der zahlreichen 6.000er frei.

Das Pamir Gebirge war zur Zeit der DDR und UdSSR die Spielwiese russischer und ostdeutscher Alpinisten.

Nicht selten gelang den Sportlern extreme und einzigartige Erstbesteigungen, die nur spärlich im westlich geprägten Bergsport erwähnt wurden.

Lesenswertes zu dem Thema: Robert Steiner “Alleine unter Russen”.

Von einer Straße, kann hier lang keine Rede mehr sein. Wir holpern, schieben und zerren unsere etwa 60kg schweren Drahtesel mittlerweile über steinige Pfade.

Es werden herabgestürzte Geröllhalden gequert und eisig kalte Gebirgsflüsse durchwatet.

Tagelang fahren und schieben wir durch das Bartang-Tal - Foto: www.kilianreil.com

Tagelang fahren und schieben wir durch das Bartang-Tal – Foto: www.kilianreil.com

Die genannten Opel-Fahrer haben längst aufgegeben und nur noch ganz selten sehen wir Four-Wheel-Drive-Fahrzeuge, meist aus russischer Produktion.

Eines der Fahrzeuge, ein ausgemusterter UAZ, schüttelt sich vollbeladen an uns vorbei zurück in Richtung Rushan. Die Insassen sind alle auf dem Weg, um Vorräte und neue Kleidung zu kaufen.

Das Bartang Tal schlängelt sich gemütlich durch die Mitte des Pamir Gebirges. Nach zwei, drei Biegungen erblicken wir bereits den Qullai Istiqlol, mit fast 7000m der vierthöchste Gipfel in Tajikistan.

Ein beeindruckender Anblick. Riesige Schneewächten flankieren den Spitz. Vor Beginn des zweiten Weltkrieges hatte dieser Berg noch einen deutschen Namen, “Dreispitz”. Eine russisch-deutsche Expedition nannte ihn 1928 so, als er entdeckt wurde.

Die Erstbesteigung gelang allerdings erst 26 Jahre später, im Jahre 1954, einer rein russischen Expedition unter Leitung eines Herrn Ugarov.

Wir gönnen uns einen kleinen Zwischenstopp für den mächtigen Anblick und um erneut Wasser zu pumpen.

Die Temperaturen bewegen sich tagsüber zwischen 28 und 37 Grad Celsius. Teilweise verschlingen wir bis zehn Liter Wasser am Tag, ohne ein einziges Mal auf die Toilette gehen zu müssen.

 

Chai zum Schlafen

Nur wenige haben sich bislang getraut, das Bartang Tal mit dem Rad zu befahren. Die, die es getan haben, wählen meistens den umgekehrten Weg, flussabwärts.

Vom östlichen Murghab ins westlich gelegene Khorog. Unsere Route bedeutet einen also stetigen Anstieg von etwa 2000 Höhenmeter bis hinauf zum Karakul Plateau.

Plötzlich, nach einem der zahllosen Anstiege sehen wir in der Ferne ein Fahrzeug. Es hält abrupt neben uns.

Eigentlich ein 5-Sitzer, aber es steigen geschätzt zehn Personen aus.

„Permit! Permit!“, wird gerufen.

„Was denn für ein Permit, bitte?! Davon stand nirgends etwas!“

Zum Glück kann einer der Herren brüchiges Englisch und erläutert uns, dass man für das Bartang-Tal neuerdings eine Genehmigung braucht. Wir befinden uns schließlich mittlerweile in einem der vielen “Nature Reserves”.

Ein anderer Herr kramt eine Mappe mit Farbkopien der angeblichen Permits hervor. Schlechte Kopien auf dünnem Papier. Es wirkt auf uns, als ob da jemand etwas Geld verdienen möchte.

Alle Zettel sind mit einer „offiziellen“ Unterschrift und Stempel versehen. Nach ein bisschen Hin und Her einigen wir uns auf zwei Tage Aufenthalt plus Gebühren.

Macht 72 Somoni. Das entspricht etwa 10 US-Dollar.

“Und wenn sich die Jungs davon einen schönen Abend machen, auch OK.”

Es kann also ganz offiziell mit Permit weitergehen. Lachend winken wir dem Jeep hinterher.

In kleinen Dörfern, die grüne Oasen in der kargen Steinlandschaft bilden, werden uns zahlreiche Chai-Angebote ausgesprochen.

Chai ist die, in weiten teilen Asiens verwendete Bezeichnung für Tee. Diese lehnen wir an den ersten Tagen noch freundlich ab.

Zu erdrückend ist die neugewonnene Langsamkeit im Verhältnis zur bevorstehenden Strecke.

Es ist schwierig einzuschätzen wie lange wir insgesamt brauchen. Und nur ein einziger Zwischenfall kann uns zeitlich zurückwerfen.

In Ruskh werden wir herzlich eingeladen und bewirtet - Foto: www.kilianreil.com

In Ruskh werden wir herzlich eingeladen und bewirtet – Foto: www.kilianreil.com

Am dritten Tag im Tal ist es jedoch soweit. Der scheinbar Dorfälteste in Ruksh lädt zum Tee und wir folgen der Einladung.

Er führt uns im Dorf zu seinem Haus.

Ein einstöckiges Gebäude mit Flachdach.

Vor langer Zeit waren die Wände wohl weiß gestrichen. Eine niedrige blaue Holztür führt in das Innere. Auf dem gestampften Lehmboden steht ein großes hölzernes Podest auf dem wir Platz nehmen dürfen.

Als der Tee gerichtet ist, schlüpfen alle Männer aus ihren Schuhen und machen es sich zwischen den Kissen bequem.

Oha! Das könnte jetzt unangenehm werden.

Haben wir unsere letzte Dusche doch in Deutschland genossen und mittlerweile etliche 40 Grad heiße Tage erlebt.

Da helfen selbst die Merino-Wolle-Socken nicht gegen schwere Gerüche.

Die Schuhe müssen auf jeden Fall an bleiben!

So hängen wir etwas unbeholfen an der Kante und erklären mit zugehaltener Nase und deuten auf die Schuhe. Der Dorfälteste lacht und hebt den Daumen. Glück gehabt! Man will ja nicht gleich respektlos wirken.

Die Mutter füttert uns durch - Foto: www.kilianreil.com

Die Mutter füttert uns durch – Foto: www.kilianreil.com

Immer mehr Leute treffen im Hause des Dorfältesten ein und wollen einen Blick auf uns werfen. Auch unsere Räder werden eindringlich inspiziert.

Nur selten erblicken wir hier im Tal Bewohner, die mit dem Zweirad unterwegs sind. Meistens handelt es sich bei den Rädern um uralte Stahlrahmenrenner, die in Deutschland auf der Müllkippe landen würden.

Stets am Lenker griffbereit eine kleine Luftpumpe, die hier wichtige Dienste leistet. Die Radler, meistens junge Männer auf dem Weg zu Feld und Vieh, sind alle paar Meter der Strecke mit Pumpen beschäftigt.

Unter den Gästen im Hause des alten Herrn ist auch ein Junge, der etwas Englisch spricht. Er besteht eindringlich darauf, das wir bei ihm übernachten. Wir nicken. Das war im Nachhinein ein weiser Entschluss von uns, wie wir am nächsten Morgen feststellen.

Mein Magen hat die russische Rindfleisch-Attacke mittlerweile überwunden, so dass Originalkost nichts im Wege steht. So geht es also auf zum Haus des neuen Freundes. Auch dort treffen in kürzester Zeit viele Interessierte ein, so dass wir selbst beim Waschen im Bach nicht unbeobachtet bleiben.

Da werden es wohl heute nur die Füße! Mit handwerklichem Geschick bauen die Dorfbewohner Bewässerungskanälchen in dem sie Flüsse aus den anliegenden Bergflanken durch ihr Dorf leiten. Das Wasser ist eisig kalt und nur für eine Katzenwäsche geeignet.
Wir werden zum Abendessen eingeladen.

Es gibt Chai, Fladenbrot, hervorragende selbstgemachte Butter und frittiertes Ei. Die gesamte Familie versammelt sich, isst aber nicht mit. Das ist uns ein bisschen unangenehm. Mit einem vergilbten Wörterbuch versuchen wir ein Gespräch aufzubauen.

Weiter geht es durch das obere Bartang - Foto: www.kilianreil.com

Weiter geht es durch das obere Bartang – Foto: www.kilianreil.com

Dr. Reil eilt zur Hilfe

Nach dem Essen kommt ziemlich schnell die Frage auf, ob einer von uns Arzt ist. Leider nein. Eine der Töchter hat starke Zahnschmerzen. Was soll man da machen, fragen wir uns.

Ich werde kurzerhand zu Herrn Dr. Reil und erkläre mit Händen und Füßen, dass wir lediglich Schmerzmittel in der Reiseapotheke haben. Alles weitere ist sinnlos.

Das verschafft kurzfristige Linderung, bekämpft aber die Ursache nicht. Als ich der Meinung bin, meine Erklärung zur Einnahme wurde verstanden, stecke ich ihr die Tabletten zu.

Kurz darauf erscheint der Sohn der nächsten Patientin. Gesichtstumor. Ein gruseliger Anblick im Halbschatten der untergehenden Sonne.

So langsam nimmt das Ganze Dimensionen an, die wir nicht mehr weglächeln können. Wir fühlen uns hilflos und die Stimmung kippt etwas. Auch hier können wir nur Schmerzmittel geben und versuchen, das Ganze über Nacht zu verarbeiten.

Die medizinische Versorgung im Tal ist schlecht und Lichtjahre entfernt von westlichen Standards. Das nächste Krankenhaus ist zwei Tagesreisen entfernt und im nächstgrößeren Dorf gibt es nur Hebammen und Krankenschwestern, keinen Arzt.

Der nächste Morgen beginnt mit schlechtem Wetter und Chai mit Schafsmilch. Ein sehr gewöhnungsbedürftiges Getränk.

Bis Gudara, dem letzten Dorf im Tal, müssen wir noch ein paar Höhenmeter machen. Auf dem Weg dorthin wäre ein Zeltplatz nur schwer zu finden gewesen. Es war ein kluger Entschluss im Dorf zu nächtigen.

Und da sind sie: Meine Käse-Pizza-Visionen und Romans Frage nach Urlaub an der Adria. Strand und Bier.

Die anstrengende Steigung und fast 3.000 Meter Höhe zeigen so langsam ihre Wirkung.

Zum ersten Mal schieben wir ein ganzes Stück und ich bekomme meine Käse-Pizza-Vision: „Ich hätte so gerne eine Speziale mit extra viel Käse!“ Was soll man da machen?

In Gudara, dem letzten Dorf im Bartang müssen wir mit den Jungs aufs Bild - Foto: www.kilianreil.com

In Gudara, dem letzten Dorf im Bartang müssen wir mit den Jungs aufs Bild – Foto: www.kilianreil.com



4000 Meter über Normalnull

Kurz nach Gudara zeigt der Pamir kurzzeitig seine unschöne Seite: Kräftiger Wind. Eigentlich ist das hier Standard, aber in Kombination mit Regen und dem aufgewirbelten Staub nicht hilfreich für das Vorrankommen.

Dann noch die enorme zweite Steigung. Über Kiesel die etwa Straußenei groß sind hatten wir ja schon berichtet. Hier ziehen wir nur noch am Rad und hieven uns irgendwie nach oben.

Es kommt bei uns das erste Mal die Frage auf, warum wir nicht einfach mal an die Adria fahren können. Heulen gilt aber nicht!

Ein wenig fluchen gehört schon zum Geschäft. Auch dieser Anstieg hat ein Ende und so geht es kurz darauf mit herrlicher Kulisse in das Tanimas-Tal hinauf. Dummerweise hat auch dieses Tal ein Ende und wir biegen rechts ab, um die nächste Rampe in Angriff zu nehmen.

Die Passagen davor erscheinen uns langsam wie Kindergarten. In der Karte als zwei Serpentinen eingezeichnet, geht es in gefühlt unendlichen Windungen den Berg hinauf.

Es ist heiß und die Höhe schlägt auf die Kondition. Hechelnd und fluchend zerren wir die schweren Räder hinauf. Alle paar Meter bleiben wir stehen um zu verschnaufen.

Eine Gangschaltung hätte mir hier eh nichts gebracht. Aber wie fast immer werden wir mit einer beeindruckenden Kulisse belohnt.

Ein Hochplateau mit gutem Untergrund auf fast 4.000 Meter. Und das Beste: Rückenwind! So macht das Spaß. Die nächsten Tage geht es auf dieser Höhe zurück in Richtung der M41 oder des Pamir Highways.

Wir sehen eine Unzahl an Murmeltieren, die laut pfeifend vor uns in ihre Erdhöhlen flitzen. Ein paar Marco Polo-Schafe verschwinden schnell hinter einer Hügelkette.

Im Flusslauf entdecken wir einen Marco-Polo-Bock-Kadaver. Er scheint sauber abgenagt zu sein. Ein seltenes, vom Aussterben bedrohtes Tier, dessen Hörner eine Spannweite von bis zu eineinhalb Metern erreichen kann.

Trophäenjäger zahlen hier bis zu 60.000 US-Dollar für den Abschuss eines der scheuen Tiere, obwohl der Handel und die Ausfuhr verboten ist.

Die Zivilisation ist weit entfernt - Foto: www.kilianreil.com

Die Zivilisation ist weit entfernt – Foto: www.kilianreil.com

 

Käse Pizza bitte schnell

Am beeindruckendsten sind aber meine Käse-Pizza-Visionen. Detailliert beschreibe ich bei fast jeder Gelegenheit, Roman, wie extra Knoblauch und Öl drauf glänzt.

Extra Käse, extra fett.

Noch ein bisschen scharf, bitte.

Die einzelnen Stücke klappen vom Gewicht des Belages ein. Der Käse zieht ellenlange Fäden.

Wir müssen jetzt schleunigst nach Murghab.

Zurück auf dem Pamir-Highway - Foto: www.kilianreil.com

Zurück auf dem Pamir-Highway – Foto: www.kilianreil.com

Wir erreichen den Pamir Highway am späten Nachmittag und verlassen das Bartang Tal nach dem sechsten Tag. Eine bislang wunderbare Tour und der erste Teil der Route.

Wie kleine Kinder freuen wir uns über den Asphalt. Die Freude hält allerdings nur wenige Kilometer an.

Es folgt Wellblech-Schotter. Ebenfalls eine wichtige Kategorie. Und die mit Abstand am schwierigste. Es ist von LKWs geformter Untergrund der parallele Rinnen ähnlich eines Wellblechdachs aufweist.

Mit dem Rad ist er nicht zu schaffen. Alles rüttelt rhythmisch und wir kommen nur im Schritttempo voran. Und so sollen wir jetzt auf den 4.600 Meter hohen Pass hoch hoppeln?! Wir werden zum Glück eines besseren belehrt.

Das Wellblech verschwindet langsam und am nächsten Morgen erreichen wir den höchsten Pass der Tour: Akbaital Pass, 4655 Meter über Normalnull.

Der höchste Pass ist der Akbaital-Pass - Foto: www.kilianreil.com

Der höchste Pass ist der Akbaital-Pass – Foto: www.kilianreil.com

Oben angekommen, treffen wir einen Bremer Biker, der uns eine zufriedenstellende Nachricht bringt: Es geht durchgehend auf Teer bis nach Murghab. Seit Tagen mal wieder fahren wir schneller als 15 Km/h. In rasantem Tempo haken wir die 70 Kilometer bis dorthin ab.

Voller Euphorie erreichen wir das östliche administrative Zentrum des Pamir Gebirges. Am Stadttor, ebenfalls ein Relikt aus Sowjetzeiten werden wir von drei betrunkenen Kirgisen begrüßt.

“Welllllcome to nice Murghab!” lallt einer. “Sorry, my friends very drunk.” Wir flüchten.

Mit einer Einwohnerzahl von etwa 4000 Menschen gibt es hier für uns die Möglichkeit Nachschub einzukaufen und uns zu erholen.

Die zweite Hälfte der Tour führt uns durch ähnlich verlassenes Terrain wie im Bartang Tal. Am Basar, der in alten Containern am Rande der Stadt zu finden ist, kaufen wir schnurstracks Cola und Süßigkeiten. Kiloweise.

Ein graues Murghab

Murghab wurde 1893 von Russen, damals noch unter der Bezeichnung Pamirsky Post, gegründet. Mit einer Höhe von 3650m über NN ist sie die höchstgelegene Stadt in Tajikistan und ist mit einer jährlichen Durchschnittstemperatur von -4 Grad Celsius nicht gerade warm.

Murghab ist ein eher trostloses Pflaster - Foto: www.kilianreil.com

Murghab ist ein eher trostloses Pflaster – Foto: www.kilianreil.com

Als Raststelle entlang des Pamir Highways ist Murghab nicht nur ein Zentrum für Handel und Kommerz im östlichen Pamir, sondern auch Zentrum illegaler Drogentransporte.

In Afghanistan produziertes Opium gelangt durch die poröse tajikische Grenze durch Kirgistan und Kasachstan nach Russland.

Die Bevölkerung teilt sich hier sichtlich in Menschen tajikischer und kirgisischer Abstammung, deren Erscheinungsbild einen stark mongolischen Einschlag hat.

Die Jungen spielen im Abendlicht - Foto: www.kilianreil.com

Die Jungen spielen im Abendlicht – Foto: www.kilianreil.com

Einst lieferten russische Tanklaster Unmengen an Benzin in die Stadt um das Kraftwerk mit Treibstoff zu versorgen.

Mittlerweile hat ein unzuverlässiges Gaskraftwerk die Aufgabe der Stromversorgung übernommen. Viele Häuser haben einen eigenen Notstromaggregat.

Für uns ist weniger die Stadt interessant, sondern die Menschen. Freundlich werden wir begrüßt. Wir versuchen ins Gespräch zu kommen, soweit unsere winzigen Brocken Russisch das zulassen.

Volleyball scheint eine der wenigen Freizeitbeschäftigungen zu sein. Wovon die Menschen leben ist schwierig zu sagen. Nicht alle haben einen Platz am Basar.

Ein älterer Mann hat seine kleine KFZ Werkstatt direkt auf der Straße eingerichtet. Öffentliche Brunnen sind die einzige Möglichkeit an sauberes Wasser zu gelangen.

Eine Internetverbindung gibt es genauso wenig wie Bäume. Hunde streunen durch die Straßen und Kinder spielen im Staub am Wegesrand.

Ein, für uns, eher trostloser Anblick nach dem grünen Bartang Tal, dennoch bleiben wir einen weiteren Tag um uns zu erholen und letzte Lebensmittel einzukaufen.

Murghab ist die östlichste Stadt im Pamirgebirge - Foto: www.kilianreil.com

Murghab ist die östlichste Stadt im Pamirgebirge – Foto: www.kilianreil.com

Wir decken uns mit Reis ein, kaufen Brot, Instantnudeln und jede Menge Süßkram. Eine Tankstelle gibt es nicht, fragwürdes Benzin für den Kocher füllt uns ein Mann aus einem Container im Garten ein.

Morgens brechen wir auf und machen uns auf zum zweiten Teil der Tour. Von Murghab bis in den Wakhan Korridor soll es gehen.

Allerdings nicht auf dem Pamir Highway sondern durch das “Zorkul Nature Reserve”. Eigentlich wird für diese Passage ein weiteres Permit gefordert, das zuständige Büro in Murghab ist seit einiger Zeit verwaist.

Beim Versuch die Behörden telefonisch zu erreichen gehen wir leer aus.

Wir gehen das Risiko ein.

Ohne Ende Gegenwind

Berichten zur Folge schickt das Militär alle motorisierten Personen ohne Permit zurück, bei Fahrradfahrer drücken sie ein Auge zu, hoffen wir. Vorsichtshalber stecken wir genug Lebensmittel für eine mögliche Retourkutsche ein.

Die Ungewissheit strampelt mit.

Weitere Militärkontrollen auf dem Weg - Foto: www.kilianreil.com

Weitere Militärkontrollen auf dem Weg – Foto: www.kilianreil.com

Über den Verlust der Gangschaltung haben wir lange keine Gedanken mehr verloren. Die Einsamkeit und Schönheit der Landschaft nimmt uns anderweitig in Beschlag. Wir radeln durch ein flaches, breites Tal, beidseitig flankiert von kleinen Bergen.

Der Schnee schmilzt hier selbst im Juni nicht und das Wetter macht was es will.

Leichtes Schneegestöber und Regen spielen mit der Sonne und dem Wind. Kein Mensch und kein Tier in Sicht, fühlen wir uns wie auf einem anderen Planeten. Es ähnelt dem Mars, die Erde rötlich und von mageren Flechten überzogen.

Wir erreichen Jarty Gumbez, ein kleines Jagdcamp mit heißen Quellen. Wieder werden wir herzlich zu Chai und Brot begrüßt. Die Gastfreundschaft der Tajiken begründet sich auch darin, dass der Gastgeber sich beim Gast eine gewisse Hilfsbereitschaft ertauscht.

Gefälligkeiten im Tausch gegen Brot. Nachbarschaftshilfe gegen Tee.

Die Frau des Hauses zeigt auf eine kleine Hütte neben dem Wohngebäude. Sie kichert. Ihr Mann reibt seine Hände unter seine Achseln und ins Gesicht.

Die Gastfreundlichkeit ist überwältigend - Foto: www.kilianreil.com

Die Gastfreundlichkeit ist überwältigend – Foto: www.kilianreil.com

Wir sollen uns waschen. Klar, wo besser als in einer heißen Quelle. Das Angebot schlagen wir nicht aus, war das kalte Wasser in Murghab doch alles andere als angenehm.

Es ist dunkel im Raum, die Augen gewöhnen sich erst langsam daran. Ein richtiger Pool und dampfendes Wasser.

Ich strecke den großen Zeh hinein. Uh, das könnte warm werden. Die Wade. Autsch. Bis zum Knie, dann geht es nicht weiter.

Das Wasser ist zu heiß zum baden. Zu schade, doch keine Hygiene, wieder nur Katzenwäsche. Es scheint, die Bewohner des Camps sind weitaus widerstandsfähiger als die deutschen Radler. Wir verabschieden uns und fahren weiter.

Pünktlich nach einer Mittagspause setzt starker Gegenwind ein. Er wird ein konstanter, kraftaufreibender Begleiter. Wir fahren mittlerweile wieder nach Westen, in einer Westwindzone keine schlaue Idee.

Um dem Wind ein Schnippchen zu schlagen, verzichten wir oft auf das Frühstück um einen kleinen Vorsprung einfahren zu können.

Wir fahren in den Zorkul-Nature-Reserve - Foto: www.kilianreil.com

Wir fahren in den Zorkul-Nature-Reserve – Foto: www.kilianreil.com

Ab nach Afghanistan

Wir nähern uns wieder der afghanischen Grenze an und können der Versuchung kaum widerstehen mal die Seiten zu wechseln.

Kleine weiße Steinhaufen deuten die Grenzlinie an.

Ein kleiner Spaß wäre es schon, finden wir.

Schnell rüber springen, Foto machen und zurück.

So schwierig kann es nicht sein, als wir in der Ferne einen schwarzen Wachturm sehen.

Ob er besetzt ist, lässt sich aus der Distanz nicht erkennen. Aber vielleicht ist es eine bessere Entscheidung nicht zu springen, statt dem afghanischen Militär zu erklären das es alles nur Spaß war.

Wie so alte sowjetische Verhörzellen wohl von innen aussehen? Besser nicht.

Mit dem täglichen Ritual des Gegenwindes setzt oft auch ein leichter Unterzucker ein. Trotz flachem Gelände ist die Fahrerei anstrengend. Der Blick in die Weite demotiviert, beim Gedanken, jemals den Gebirgszug in der Ferne zu erreichen.

Zwei kleine Steinhütten stehen an einem Hügel. Eine Frau mit kleinem Kind verschwindet darin, als kurz darauf ein Mann den Hügel hinab kommt.

Er trägt eine große Ladung Feuerholz auf dem Rücken. Er winkt. Ohne zu zögern halten wir an – die Chai Einladung könnte nicht besser sein. Dankbar schieben wir die Räder vor die Hütte.

Das kleine Mädchen inspiziert uns misstrauisch.

Einsame Hirten leben mit ihren Familien im Zorkul - Foto: www.kilianreil.com

Einsame Hirten leben mit ihren Familien im Zorkul – Foto: www.kilianreil.com

Solche bunten Vögel. Viele Besucher scheint es hier im Nature Reserve nicht zu geben. Sie zeigt uns stolz eine kleine Ziege, die nur wenige Tage alt zu sein scheint. Der Vater lacht und winkt uns hinein.

Mal wieder der beste Beweis für die tajikische Gastfreundschaft. Die Menschen haben faktisch nichts und teilen dennoch alles. Der Shirchai, Tee mit Schafsmilch, schmeckt diesmal um einiges besser.

Roman kramt sein Zeige-Bilder-Büchlein hervor und möchte von dem Hirten wissen, ob Fische in dem nahem See schwimmen. Fisch, da unten? Essen? Es hilft nur Zeichensprache.

Hände und Füße um sich zu verständigen. Er hatte gestern endlich einen kleinen Fisch an der Angel.

Der Mann verschwindet und kommt kurz darauf zurück.


Alter Fisch und ohne Permit

Zwei getrocknete Fische legt er auf das Sitzpodest und reißt mehrere große Stücke davon ab. Roman rümpft die Nase. Der Fisch scheint zwar getrocknet, ist aber in der Mitte noch roh und blutig. Er riecht streng.

Aus Anstand knabbern wir die Stücke ab. Der Hirte lacht und ruft etwas. Zwei seiner Töchter kehren mit weiteren vier Fischen zurück.

Ups, das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Der Mann lacht.

Na toll, jetzt müssen wir aus Dankbarkeit stinkige Fische durch die Landschaft fahren. Unsere Mägen streiken beim Anblick.

Roman bedankt sich großzügig und schmeißt in einem geeigneten Augenblick den Rest seines Fisches dem Hund zu.

Dabraut sich was zusammen - Foto: www.kilianreil.com

Dabraut sich was zusammen – Foto: www.kilianreil.com

Nach vier Tagen erreichen wir die Militärstation. Jetzt heißt es, unwissenden Touristen spielen. Wir werden von sechs Männern begrüßt.

Weitere stehen im Wachturm. Ein alter russischer Panzer steht hinter einem hohen Zaun.

Wobei die Begrüßung eher als abfälliges Gebrüll zu interpretieren ist. “Niet Ruski, niet Tajikski!”, sage ich “Sorry”.

Wir können kein Russisch, sie kein Englisch. Sie scharen sich um uns und wollen wissen wo wir her kommen. Germania. Die Pässe!

Nacheinander müssen wir alle Fahrradtaschen ausleeren. Der einzige Uniformierte knetet alle Taschen durch, auf der Suche nach Drogen.

Der lauteste der anderen in Zivil gekleideten Soldaten reißt uns die Landkarte aus der Hand und zeigt uns, dass Afghanistan auf der anderen Flussseite ist. Wie schön, das wussten wir auch schon länger.

Sie notieren unsere Passdaten und lassen uns wieder zusammenpacken. Ob es mit Permit einfacher gewesen wäre, wissen wir nicht. Roman zieht eine Schachtel Zigaretten hervor, doch alle lehnen ab.

Na, wenigstens bestechlich sind sie nicht.

Dem Versuch die Soldaten mit “Baiern Munschen” und “Germania, fuutbol, number won!” von unserer Unschuld zu überzeugen funktioniert mäßig.

“Niet Baiern Munschen!” ,“Barsa!”

“Barsa!”. Die scheinen hier auch noch Gegner zu sein.

Wir dürfen passieren. Glück gehabt.

 

Schotter, der nächste

Leichter scheint es noch lang nicht zu werden. Zwar sind wir zurück auf einer, laut Karte, größeren Straße, doch besteht die wieder aus Sand und Wellblech. Musik hörend und laut fluchend zittern wir uns durch die Landschaft.

Die Beschaffenheit der Straße endet unweigerlich mit riesigen Schlangenlinien um die am wenigsten rüttelnden Teile zu befahren. Unser Gefluche schallt durch das menschenleere Tal.

Verlassene Wachtürme und Kasernen stehen am Straßenrand. Was die wohl bewachen? Natürlich sind wir neben Afghanistan, aber hier ist doch keiner.

Wir befinden uns nun auf der Passstraße vom Kargush Pass hinab nach Langar in den Wakhan Korridor.

Hinab geht es dabei wieder etwa 1500 Höhenmeter. Die Straßenoberfläche ist miserabel. Schotter vermischt sich mit losem Sand. Dieser formt sich zu gleichmäßigen Rillen, darin faustgroße Steine.

Die Bremsen funktionieren mäßig als die Vorderräder blockieren und zur Seite rutschen. Unsere Konzentration hat irgendwann ein Ende. Schier endlose Hügelketten reihen sich aneinander, der Weg mäandert durch die Landschaft.

Grau und Brauntöne vermischen sich in der Landschaft, wenig Vegetation, keine Lebewesen, kein Mensch ist in Sicht. Unsere Kehlen sind staubig, die Augen brennen. Ein kühles Bier wäre jetzt was.

Gelegentlich schießt ein Fluss die Bergflanken hinab und eilt uns Durstigen zur Hilfe. Campieren können wir nur dort wo es Wasser gibt.

Unsere HuiHui-Maschine ist eine wunderbare Kommunikationsmöglichkeit -Foto: www.kilianreil.com

Unsere HuiHui-Maschine ist eine wunderbare Kommunikationsmöglichkeit -Foto: www.kilianreil.com

Schüttelnd in den Wakhan

Nach über 1000 Kilometern sehnen wir uns langsam nach kulinarischer Abwechslung. Seit einiger Zeit kochen wir Milchreis zum Frühstück, der uns langsam zum Hals raushängt. Schon etwas Zimt würde helfen, aber kein Laden weit und breit.

Abends sind wir häufig zu müde um zu kochen, zwingen müssen wir uns dennoch.

Der Körper benötigt die wichtigen Kalorien. Im Laufe der Tour hat jeder von uns etwa drei bis vier Kilo Körpergewicht verloren. Nicht einmal die Bärte können das mehr ausgleichen.

Das letzte Dorf im Wakhan ist unsere erste Hoffnung auf eine lang ersehnte Mahlzeit. Doch obwohl in der Landkarte eine große Besiedelung eingezeichnet ist, finden wir nur weiße klein Wohnhäuser, die sich zwischen saftig grünen Feldern verstecken.

Kein „Magazin“, nicht einmal ein Gemüsestand. Genervt geht es weiter.

Die Straßenbedingungen sind weiterhin nerven- und gesäßaufreibend. Wir passieren alten Alleen, schmuckreich verzierte Hofeingänge, verfallene Bushaltestellen.

Immer noch kein Laden. Verdammt. Langsam wird es ernst.

Was würden wir geben für eine kühle Cola und ein Snickers.

Nach einigen Kilometern finden wir eine schäbige Bude, in der eine ältere Frau Kartoffeln, ein wenig Obst und Klamotten verkauft. Egal was, hauptsache süß und kalorienreich, sagt Roman.

Wir kaufen eine Wassermelone und Süßigkeiten. Mehr gibt der Laden nicht her.

In einer Ecke sitzt eine kränklich aussehende Katze und frisst einen Fisch. Mit einem Zischen öffnet Roman eine Wasserflasche, deren Inhalt stark vergoren schmeckt.

Seit wann kann Trinkwasser fermentieren?

Wir kippen den Inhalt in die Büsche und verzehren genüsslich die Melone.

Wir bringen Freude und Spass in den Zorkul - Foto: www.kilianreil.com

Wir bringen Freude und Spass in den Zorkul – Foto: www.kilianreil.com

 

Zurück in der Zivilisation

Das Wakhan Tal teilt, mit einer Breite von teilweise 60 Kilometern und einer Länge von fast 300 Kilometern, Tajikistan und Afghanistan. Der Korridor zieht sich wie ein seltsamer Ableger Afghanistans bis tief nach Pakistan und China.

Er ist ein Überbleibsel des alten Konflikts zwischen dem zaristischen Russland und dem imperialistischen Großbritannien.

Bald sind wir zurück in der Zivilisation - Foto: www.kilianreil.com

Bald sind wir zurück in der Zivilisation – Foto: www.kilianreil.com

Interessanterweise zählt das Wakhan Tal auf afghanischer Seite zu den am wenigsten erschlossenen Gebieten der Welt, während nur wenige Kilometer entfernt, auf tajikischem Boden Strom und Internet bereits zum normalen Leben gehören.

Der angrenzende Hindukusch gehört zur größten afghanischen Problemzone, in Tajikistan zieht schon der westliche Tourismus ein. Ein komisches Gefühl.

Nur einen Steinwurf entfernt leben die Afghanen in winzigen Häusern aus Stein und Lehm. Sie winken und rufen uns zu. Mehrere Jungs plantschen im Wasser, während ein anderer versucht mit einem Netz Fische aus dem Fluss zu ziehen.

Auch hier werden Gebirgsflüsse durch kleine Bewässerungskanäle zu den Feldern geleitet. Inmitten der steinigen Landschaft bilden die Dörfer knallgrüne Orte des Lebens.

Die Straße neben dem Fluss ändert sich rasant. Hier merke ich zum ersten Mal richtig den Verlust meiner Gangschaltung. Da hilft nur absteigen, Gabelschlüssel zücken und am Sechskant drehen.

Die Nabe hat vierzehn Gänge, wovon ich die letzten 1200 Kilometer lediglich drei Gänge verwendet habe. Nur zu oft hüpfe ich fluchend vom Fahrrad, als wieder eine Hügeletappe ansteht.

Zwischen Ishkashim und dem afghanischen Sultan Eshkashem wurde im Jahr 2006 eine Brücke eröffnet. Nun ist der Ort, durch den wir radeln bekannt für den Grenzbasar auf einer Insel im Fluss.

Leider erfahren wir an einem Mittwoch, dass dieser nur Samstags stattfindet. Ein einheimischer Mann mittleren Alters tröstet uns. “Das Zeug ist alles nur Chinaware, die Leute gehen da nur hin um mal einen echten Afghanen zu sehen.”

“Nagut, dann halt nicht – aber wäre schon schön gewesen.” denken wir uns. Die letzte Teilstrecke unserer Tour steht an. 100 Kilometer bis nach Khorog, dann haben wir das Projekt endlich abgehakt …


 

TLDR: Roman und Kilian aus Erlangen sind im Juli 2015 für sechs Wochen mit dem Fahrrad durch Tajikistan gereist. Unter dem Namen Tadchicks haben sie sich auf wenig befahrenen Strecken durch das Pamirgebirge gekämpft und mussten einige Widrigkeiten überwinden. Einen Teil der Strecke legten sie direkt an der Grenze zu Afghanistan zurück. 

Alle Bilder in dem Artikel stammen von Kilian Reil. Mehr zu Kilian gibt es unter www.kilianreil.com